Probleme der plastischen Gestaltung

Fritz Szalinski 1947Grundsätzliches über die Gestaltungsprinzipien der Plastik zu schreiben ist kaum möglich, ohne mit den Ansichten von Kollegen in Konflikt zu geraten. Die Auffassungen hierüber klaffen so weit auseinander, daß ein Laie verwirrt werden muß. Auch die gestalteten Objekte sind so breit gefächert, daß die Überschaubarkeit nicht leicht fällt.

Heute werden einige zusammengefügte, farbig bespritzte Bretter oder ein paar verschweißte, alte Maschinenteile ernsthaft als Kunst diskutiert. In einer Welt, die selbst nicht mehr heil ist, gilt das Zerstörte oft mehr als das geordnet Gestaltete. Die moderne Kunst ist gekennzeichnet von immer neuen Variationen einer Verfremdung von Wesen und Gegenständen. Für den Laien muß es schwer sein, zwischen Kunst und Scharlatanerie zu unterscheiden.

Trotzdem möchte ich einmal versuchen, meinen eigenen Standpunkt zu diesem Problem aufzuzeigen, wenn er in vielen Punkten auch als konservativ angesehen werden sollte.

Die Kunst muß grundsätzlich im Gegensatz zur Natur stehen, allenfalls in einer Parallele zu ihr verlaufen. Ich gehe bei meiner Arbeit zwar von der Natur aus, indem ich meine Anregungen aus ihrem Reichtum schöpfe. Doch erst die Umsetzung in eine eigenständige, aus dem jeweiligen Material und der Idee heraus entwickelten Form ergibt ein künstlerisches Objekt. Die Beobachtung der Natur bereichert das Formwissen und regt die Phantasie an. Auch ein intellektuelles Erlebnis kann zu einem künstlerisch-plastischen Resultat führen. Instinkt und inspirierende Kraft arbeiten unbewußt miteinander, so daß ein Kunstwerk mehr ist als die Summe dessen, was man bewußt erarbeitet hat.

Von Aufträgen für bestimmte Aufgaben abgesehen, mache ich meine Plastiken nicht für andere. Die gestaltende Arbeit ist mir Bedürfnis und eigene Bereicherung. Wenn andere daran teilhaben können, ist das für mich beglückend und kann auch nützlich zugleich sein. Das Verständnis für die Plastik hängt jedoch sehr von der Empfindsamkeit des Einzelnen für die dreidimensionale Form ab. Ich glaube aber, es gibt mehr Form- als Farbenblinde.

Das Material kann weitgehend die Art der handwerklichen Bearbeitung wie auch die Form der Gestaltung bestimmen. Der künstlerische Gestaltungsprozeß sollte aber vom Material nicht übergewichtig beeinflußt werden.

Die Verwendung von Stein- oder Holzmaterial, bei dem man von außen nach innen, oder beim Ton, wo man umgekehrt von innen nach außen arbeitet, erfordert schon eine entsprechende grundlegende Einstellung zum Material. Durch die eigenartige und jeweils besondere Beschaffenheit eines Steinblocks oder Holzstammes unterliegt der Künstler leicht einer Beeinflussung, die ihn vom vorgefaßten, ursprünglichen Plan wegführen kann. Der Ton dagegen hat keinerlei Eigenausdruck von sich aus. Der Künstler kann hier vom Material unbeeinflußt die Vorstellung seiner Idee verwirklichen.

Atelier an der BocksmauerBei Stein oder Holz ist der Arbeitsvorgang lang und mühevoll, und es bedarf einer starken Konzentration über eine weite Wegstrecke, um die einmal gefaßte Idee und plastische Vorstellung während der Durchführung nicht zu verlieren. Bei der Arbeit in Ton dagegen ist die Möglichkeit einer schnellen Umsetzung der geplanten Gestaltungsabsicht viel leichter gegeben.

Da das Endresultat des Modellierens in sehr vielen Fällen die Ausführung in Bronze ist, die ebenfalls ihre eigene Material- und Formensprache hat, wird es für einen erfahrenen Bildhauer nicht schwer sein, über Ton- und Gipsmodell den Weg zu finden, der Form und Material zu gegenseitigem Nutzen gereicht oder den jeweiligen Vorstellungen des Künstlers zu diesem Material entspricht. Hier gehen die Auffassungen der Plastiker ebenfalls weit auseinander, und die Möglichkeiten der Gestaltung des Bronzegusses sind ja auch vielfältig genug.

Wenn ich eine Plastik beginne, habe ich schon einen klaren Begriff von dem, was ich machen will. Die plastisch-räumliche Vorstellung ist dabei das Wesentliche. Seltener skizziere ich meine Absicht vorher, da sich dreidimensional während der Arbeit doch manches anders ergibt und auch konstruktive Erfordernisse zu Veränderungen zwingen können. Ich trage eine Idee oft auch längere Zeit mit mir herum, ehe ich mit der eigentlichen Arbeit beginne.

Bei größeren Arbeiten in Stein oder Holz mache ich zunächst ein ziemlich genaues Modell in kleinerem Maßstab, wenngleich durch Materialgegebenheiten und Proportionsveränderungen die ursprüngliche Konzeption sehr beeinflußt werden kann. Man sollte aus diesen Gründen die vergrößerte Ausführung nach einem kleineren Modell niemals fremden Händen überlassen.

Größeren Arbeiten in festem Material gehen neben der Ausführung eines kleinen Entwurfsmodells Studien und genaue Vorbereitungen voraus. Diese Vorarbeiten können aber schon einen großen Teil des Elans verbrauchen, und es fehlt dann die Ursprünglichkeit und die künstlerische Kraft für die endgültige Ausführung. Jeder Bildhauer weiß, wie schwer es ist, die Frische des ersten Entwurfs in der vollendeten, größeren Arbeit voll zu bewahren. Im kleinen Entwurf ist oft bereits das Große enthalten.

Anders ist es beim Ton. Hier kann man spontan einem plötzlichen Einfall seine Form geben, und Veränderungen während der Arbeit sind immer möglich. Früher habe ich vorwiegend in Holz und Stein gearbeitet. In den späten Jahren dagegen entstanden meine Plastiken fast ausschließlich zunächst in Ton, um später die letzte Überarbeitung in Gips als Modell für den Bronzeguß zu erhalten. Am Gipsmodell werden die Formen nochmals gegeneinander abgewogen und gestrafft, bis das Resultat befriedigt.

Das gewählte Material ist zwar für die Formgebung einer Plastik sehr bestimmend, wichtiger aber erscheint mir, die Materie durch die Kunst eher vergessen zu machen. Das Endresultat sollte in jedem Falle das Wichtigste sein.

Die so oft betonte „Materialgerechtigkeit“ ist für den Grad der künstlerischen Arbeit nicht von großer Bedeutung. Auch die vielfach geforderte handwerkliche Vollausbildung als Voraussetzung zur Kunstausübung ist nicht immer gerechtfertigt. Ich habe meine gründliche, vierjährige handwerkliche Ausbildung manchmal sehr als Hemmnis empfunden, da man in meiner Lehrwerkstatt mehr Wert auf exakte Ausführung als auf künstlerische Formgebung legte.

Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht, mit Ausnahme einiger Tierplastiken, der Mensch, eigentlich immer als Rundplastik, die aus jedem Blickwinkel einen abgewandelten gleichwertigen Anblick bietet. Frontalfiguren mit einer Hauptansicht gibt es nur, wenn eine besondere Aufgabe es erfordert.

Meine Themen beziehen sich auf die Ruhe und die Besinnlichkeit, das Insichgekehrtsein und die Geborgenheit, die Sehnsucht, die Trauer. Durch meine ganze Arbeit geht ein Hang zur Stille und zur Abgeschiedenheit. Das Hauptanliegen meiner Plastiken ist die Darstellung der Würde des Menschen. Bei der endgültigen Fassung bemühe ich mich um Einfachheit der Form und der Heraushebung des Wesentlichen, verzichte auf Einzelheiten zugunsten der Gesamtkomposition. Die Inspiration und die Geschicklichkeit der Hände müssen das plastische Problem zur Vollendung bringen. Jede neue Arbeit ergibt wieder ein anderes Problem.

Was die Größe der Plastiken anbetrifft, so habe ich überlebensgroße wie auch kleine Figuren gemacht. Die Bestimmung der Größe einer Plastik hängt von dem Raum ab, den sie erfüllen soll. Bei einer freien Arbeit kann das Motiv manchmal schon größenbestimmend sein. Die Abmessungen einer Plastik haben nichts mit der künstlerischen Größe zu tun. Eine sehr große Plastik wirkt manchmal klein und kleinlich, während eine kleine Plastik das Gefühl des Monumentalen hervorrufen kann. Bei kleineren Plastiken sollte in Betracht gezogen werden, daß sie gelegentlich auch den Tastsinn und die Tastfreude auslösen können.

Zu meinen Arbeiten habe ich eine Art Verwandtschaftsverhältnis, das sich aus dem ganzen Vorgang der Erzeugung ergibt. So fällt es mir bei manchen Plastiken schwer, mich von ihnen zu trennen. Wenn der Mensch auch nicht vom Brot allein lebt, so geht es bei allem Idealismus doch nicht ganz ohne Brot. Ich bin eher dankbar, daß es einen Kreis von Interessenten für meine Arbeiten gibt, die mein Weiterwirken in einer mir zuträglichen Weise durch Ankäufe meiner Plastiken ermöglichen.
Wenn ich meine Aufzeichnungen hiermit beende, möchte ich betonen, daß ich sie für Laien geschrieben habe. Es war mein Bestreben, einen Kommentar zu meiner Arbeit zu geben für die Freunde und Gönner, die mein künstlerisches Tun unterstützt und gefördert haben!

Fritz Szalinski