Karl Kühling (1899 – 1985) Chefredakteur der Osnabrücker Zeitung „Neue Tagespost“ und Autor zahlreicher Bücher,  spricht  zur Einleitung über Leben und Schaffen seines Freundes Fritz Szalinski

Zur Gedächtnis-Ausstellung Fritz Szalinski
am 8. Dezember 1979

GedächtnisausstellungEs bedeutet für mich eine große Ehre, anläßlich der Gedächtnis-Ausstellung Fritz Szalinski zu Ihnen sprechen zu dürfen. Wenn die Anregung dazu von Frau Charlotte Szalinski ausging, so habe ich allen Grund, ihr dafür herzlich zu danken. Es kann nicht meine Aufgabe sein, bei dieser Eröffnung das Gesamtwerk Fritz Szalinskis in der ganzen Ausführlichkeit, die ihm gebühren würde, in der ganzen thematischen Vertiefung, die ihm zusteht, zu würdigen. Man kann so etwas nicht in den Rahmen einer Eröffnungsansprache zwingen. Museumsdirektor i.R. Walter Borchers brachte bereits im Jahre 1970 eine umfassende Würdigung in einem Buch, das "Fritz Szalinski" betitelt ist, und tat es mit dem großen Sachverständnis, das ihn in diesem wie auch in anderen Büchern auszeichnet. Sehen Sie also in dieser heutigen Eröffnungsansprache vordringlich mein persönliches Bekenntnis zu Fritz Szalinski, dessen künstlerisches Schaffen ich seit einem halben Jahrhundert mit immer wachsender Achtung und Bewunderung verfolgte, dessen menschliche Haltung ich bis in seine letzten Tage mit immer zunehmendem Respekt erlebte.

Vielleicht darf ich die zahlreichen, zumeist zufälligen Begegnungen und die sich daraus ergebenden Gespräche auf Wegen und in Heckengängen des Westerberges als Grundlage einer jener unbetonten Freundschaften werten, die zu den schönsten und wertvollsten Bereicherungen menschlichen Lebens zählen. Wenn es Freundschaft ist, daß Menschen einander einen Blick in das Innere des Herzens gönnen, so machten meine Begegnungen mit Fritz Szalinski eine echte Freundschaft aus. "Echt" in der wahren und ungeminderten Bedeutung dieses heute so viel mißbrauchten Wortes.

Als Fritz Szalinski im März 1976 eine Autobiographie schrieb, eine völlig unbeschwerte, völlig aufrichtige Darstellung seines Lebens, die auch in meine Hand kam, wußte ich zwar schon viel von ihm, doch erst die Biographie brachte die notwendige Ergänzung des Bildes. Das letzte Erkennen resultierte aus den Begegnungen. Denn Fritz Szalinski offenbarte sich zwar als Künstler bewußt und vorbehaltlos in kraftvoller Sprache und klarem Ausdruck - als Mensch dagegen erschloß er sich nur zögernd und mit der Zurückhaltung einer empfindsamen Seele. Vielleicht hat es ihn zu mir hingezogen, dass ich mit entsetzter Anteilnahme erlebt hatte, wie Fritz Szalinski Abschied von seinem Vater nahm, der mit anderen Osnabrückern zu einem Weg ohne Wiederkehr abgeführt wurde, vielleicht auch war es ein erster großer Vertrauensbeweis seinerseits, daß er mir am Tage der Todesnachricht davon Mitteilung machte und seiner Überzeugung unverhohlen Ausdruck gab, es handele sich um einen Mord an seinem Vater. Vergessen wir nicht, daß während des NS-Regimes auch solche Äußerungen gefährlich waren.

Habe ich damit mein persönliches Verhältnis zu Fritz Szalinski, das mir den ehrenvollen Auftrag der Eröffnungsrede zu dieser Ausstellung erbrachte, kurz gestreift, darf ich von der menschlichen Beziehung jetzt zu meiner Wertung des Künstlers Fritz Szalinski kommen. Mein Weg zu seinem künstlerischen Schaffen war ja nicht ohne weiteres gegeben. Denken Sie daran, daß meine Geburt in die Zeit noch kurz vor der Jahrhundertwende fiel. Die allgemeine Kunstanschauung und Kunstbewertung damals ging andere Wege als heute. Das meinem elterlichen Hause naheliegende und von mir schon früh oftmals besuchte Museum zum Beispiel war zu jener Zeit vor dem ersten Weltkrieg im wesentlichen ein Institut der Sammlungen von zumeist älteren Zeugen aus dem Bereich der Kultur, Kunst und Naturgeschichte sowie allgemein menschlicher Lebensführung und Geschichte. Mit dem Schaffen der jungen Künstlerschaft jener Zeit konfrontierte es wenig, und Ausstellungen gab es selten. Was uns die Schule über die Kunst der Welt und der Menschen vermittelte, endete zeitlich spätestens im 19. Jahrhundert (womit der Schule und einigen verehrten Lehrern kein Vorwurf gemacht werden soll; denn was sie uns vermittelten, war fundiert und von Verständnis getragen.). Immerhin bedurfte es eigener Initiative, zu den vielfachen Formen des damals noch vorherrschenden Impressionismus in der Malerei und zu der Experimentierfreudigkeit des sogenannten Jugendstils vorzudringen, ohne "heilige Kühe" anzustoßen.

Durch Jugendbewegung und Wandervogel war ich immerhin ein wenig vorbereitet, als nach meiner Rückkehr aus dem ersten Weltkrieg auch im künstlerischen Schaffen Osnabrücks ganz neue und mich überraschende Bewegungen und Strömungen sichtbar wurden. Unterstützt und gefördert vor allem durch den Antiquitätenhändler Otto Meyer, aber auch andere Mäzenaten, zog zunächst eine junge Malergeneration auf, die uns vor neue Bilder stellte. Ich müßte die Unwahrheit sagen, wenn ich behaupten wollte, daß die neue Sicht mir ohne weiteres leicht gefallen sei. Wandlungen in der künstlerischen Aussage und im künstlerischen Stil innerlich zu verarbeiten und zu gerechter Wertung zu kommen, ist mir niemals leichtgefallen, und die Grenze zwischen wahrhaftiger Aussage in der Kunst und Scharlatanerie richtig zu erkennen, bin ich bis heute mit Sorgfalt bemüht geblieben. Jedoch - als Fritz Szalinski nach Beendigung seiner Lehr- und Studienjahre nach Osnabrück zurückkehrte, um nun als freischaffender Bildhauer zu wirken, hatte ich keinerlei Schwierigkeiten, in seinen ersten Werken schon die Gediegenheit des künstlerischen Vermögens zu erkennen. Das konnte auch wohl nicht anders sein, dazu lag mir die Linie seines Gestaltungswillens von Beginn an schon gefühlsmäßig zu nahe. Hinzu kam, daß seine Zielsetzung mich überzeugte und - vielleicht noch mehr - seine handwerkliche Meisterschaft am Holz, Stein und Metall mich mit Bewunderung erfüllte. Gerade festgelegte Aufträge übernahm, zunächst einfach der Existenzgrundlage willen, bezeugen das. Jene Kinderporträts zum Beispiel, von denen er selbst schrieb: "Da jeder Auftrag angenommen werden mußte, gab es manches Köpfchen, das mich vom Plastischen her nicht besonders reizte. Aber es mußte gemacht werden." - Es mußte eben gemacht werden. So auch die Nachbildung eines indonesischen Tempels im Auftrage der Niederlande, der in Paris als Ausstellungsraum für die große Kolonialausstellung dienen sollte. Und es mußte auch gemacht werden, als Fritz Szalinski 1941 als Bildhauer in die Bauleitung der Staatsoper Berlin berufen wurde, wo er bis 1944 eine ganze Reihe von figürlichen und ornamentalen Arbeiten entwarf und ausführte. Musizierende Putten etwa, die "ganz im Geiste eines heiteren Rokoko empfunden waren", wie Walter Borchers in seinem Buch über Fritz Szalinski es ausdrückte. Vielleicht ist gerade diese Berufung zu einer ihm an sich wesensfremden Aufgabe und ihre Meisterung der überzeugendste Beweis seines handwerklichen wie künstlerischen Vermögens.

Gibt es und gab es allgemein keinerlei Zweifel über diese handwerkliche Meisterschaft Fritz Szalinskis, eine Meisterschaft, die in rund 10 harten Lehr-, Gesellen- und Studienjahren gegen vielfache Widerstände und unter persönlichen Opfern errungen wurde, so muß ich nun endlich zu meinem Bekenntnis zu seiner Künstlerschaft kommen, die mich diese Eröffnungsansprache übernehmen ließ: Ich halte Fritz Szalinski für einen der bedeutendsten Künstler unseres Landes, einen Meister der Bildhauerkunst, der - mögen ihn eine Welt des Fühlens, Erkennens und Gestaltens von dem heute so viel zitierten "Meister von Osnabrück" trennen - diesem an Bedeutung nicht nachsteht. Er wird wie dieser seinen Platz in der Kulturgeschichte Osnabrücks behaupten. Denen, die dieses Urteil für anspruchsvoll oder anmaßend halten sollten, sage ich, daß ich von meiner Anschauung spreche, daß ich mich mehr als ein halbes Jahrhundert um ein fundiertes Urteil bemüht habe, und daß ich von jeher auch den lebenden und zeitgenössischen Künstlern Anerkennung zu zollen bereit bin, so wenig ich alten, in der Kunstliteratur längst abgestempelten Meistern meine Ehrfurcht vorenthalte. Im übrigen brauche ich mich mit meinem Urteil über Fritz Szalinski nicht zu verstecken. Es ist durch das Riesenwerk dieses arbeitsbesessenen Künstlers und durch seine Wirkung in einen weiten Raum hinaus längst bestätigt. Werke seiner Hand und schöpferischen Gestaltungskraft sind nicht nur in größerer Zahl in der Stadt Osnabrück, seiner manchmal in Schmerzen geliebten Heimat, zu finden, sondern stießen weit in den Raum über die Stadt und den Umkreis in den nordwestdeutschen, zumal den rheinisch-westfälischen, ja den deutschen Raum vor.

Ich darf hier nochmals auf das treffliche Buch von Walter Borchers hinweisen, das eine so subtile Beurteilung des Schaffens von Fritz Szalinski gibt, wie ich es vom Wissen her kaum wagen, vom Umfang her bei der hier zur Verfügung stehenden Zeit auch kaum versuchen könnte. Auf kürzeste Formel gebracht: Für mich ist die Klarheit der Komposition in Fritz Szalinskis Bildwerken, der auf die einfachste Formel gebrachte Ausdruck in seinen Gestaltungen und ihre herbe Aussagekraft von so ummittelbarer Wirkung, daß ich im Innersten angerührt, oft erschüttert bin. Walter Borchers wird es mir nicht übel nehmen, wenn ich mit ihm in einem Punkt nicht ganz einig gehe, sodaß ich ihn ergänzen möchte. Borchers schreibt: "Man fühlt sich bei Fritz Szalinski bisweilen an Barlach erinnert, wenn auch Szalinskis Figuren von einem anderen Gefühl getragen sind, mehr lyrisch, denn dramatisch sich geben..." - Auf mich wirken vor allem Szalinskis Frauengestalten, die doch einen wesentlichen Teil seines Gesamtwerkes ausmachen, nicht so sehr lyrisch wie vielmehr, mit ihrem gleichsam nach innen gekehrten Blick, rätselhaft, geheimnisvoll. Ich sehe in ihnen ein - vielleicht unbewußtes - Suchen nach dem Geheimnis der Schöpferkraft jeder Frau an sich, und es erscheint mir wahrscheinlich, dass sich hier in Fritz Szalinskis Werk ein Erbe aus seinem Ursprung in einer östlicheren Welt offenbart, die dem Wunder der Schöpfung elementarer und ehrerbietiger verbunden ist als die unsere. Sollte hier nicht einer der Hauptgründe für die starke Wirkung liegen, die Fritz Szalinskis Werk auf Menschen mit unverkümmertem Gefühlsleben ausüben?

Dies alles ist keine Polemik. Wer will auch über die Verschiedenheit der Gefühle und Deutungen richten, wenn die Ehrfurcht vor dem Werk gemeinsam ist? Die Ehrfurcht vor dem Werk Fritz Szalinskis!

Abendgalerie an der Bocksmauer
Abendgalerie Künstlerhaus an der Bocksmauer